10.06. 2008 - 20.06. 2008 von Rußheim nach Rodau


10.06. - von Rußheim nach Oberhausen, ca.12km

Gegen Mittag ging es wieder los. Viele Eindrücke, die wir auf dem Hof gewonnen hatten blieben  in unseren Köpfen verankert. Es war sehr windig. Sonne und tiefblaue Wolken wechselten sich ab.  Ein wenig Schiss hatte ich schon, dass wieder ein Gewitter aufziehen könnte. Doch wir blieben verschont. Zwei Orte weiter hielten wir beim Supermarkt. Ich machte meine Runde und Jon wartete derweil auf dem Mädelewagen. Mit ausreichend Lebensmitteln an Bord fuhren wir zurück auf die Hauptstraße. Fröhlich wurden wir von einer lustigen Gruppe aus dem Straßencafé begrüßt. Am Friedhof tankten wir noch Trinkwasser. Jon nutzte die Gelegenheit um gleich mit dem Fahrrad nach einer Parkmöglichkeit zu suchen. Ältere Damen kamen zu mir herüber und erkundigten sich unseres Weges. Je mehr ich erzählte desto erstaunter hörten sie zu. Schließlich fingen sie selber an über sich zu plaudern. Jon brauchte diesmal etwas länger und in der Zwischenzeit waren meine Gesprächsnachbarn auch schon wieder verschwunden. Plötzlich schien Ozeanne in ihrem Geschirr fast umzufallen. Schnell lief ich vor, rüttelte und schüttelte sie wach. Quinette hingegen war standfest. Und wieder zwinkerten ihre Augen und wollten sich nicht mehr öffnen. Es kann ganz schön anstrengend sein ein Pferd wach halten zu müssen. Endlich, Jon war zurück und hatte eine Fläche direkt am Baggersee gefunden. „Allez Allez Mädels“, rief ich lautstark und beide legten sich in die Geschirre. Jon bemerkte auf einmal, dass Winston lahmte. Um ihn zu schonen wurden die Laufzügel von Django verlängert. Bis zum Parkplatz brauchte er so nur mitzulaufen. Entlang auf kleinen Wegen ging es an mehrere Gärten vorbei. Weiter abseits der Siedlung koppelten wir einen breiten Wiesen-, Wegrandstreifen ein. Langsam wurde es dämmrig. Ein paar Hundespaziergänger fragten uns neugierig aus. Da näherte sich ein Mopedgeräusch. Ein Mann in Arbeitsklamotten mittleren Alters hielt neben mir. „Da brauch ich die Wiese ja nicht mehr zu mähen“, erwähnte er. Jedoch klang sein Satz nicht überzeugend. Zögerlich fragte ich nach, bis sich herausstellte, dass er nicht damit einverstanden war. Die Wiese machte in unseren Augen alles andere als den Anschein einer Heuwiese. Sie war sehr bunt und ähnelte eher einer Sukzessions- oder Ausgleichsfläche. Nahrhafte Grasarten waren rar. Alles sprach für einen nährstoffarmen Boden. Mehrere Reihen junger Obstbäume schlossen sich an dem Randstreifen an. Wie soll da ein Traktor durchkommen? Naja, nur nicht zu lange Grübeln, es bringt ja doch nichts. „Jetzt ist es ja eh zu spät zum Umparken“, meinte er. Daraufhin erwiderte ich: „Morgen brechen wir wieder auf“. Er murmelte noch etwas und düste davon.
 
Eine Familie mit zwei Kindern packte gerade ihre Badesachen zusammen und kam anschließend noch zu uns herüber. Mit erstaunten Gesichtern folgten die Kinder unserem Dialog. Endlich, es war fast dunkel und niemand war mehr da. Die Pferde futterten zufrieden und hatten bereits ausreichend Wasser. Zeit für uns. Nackig, nur mit Handtüchern bewaffnet schlichen wir auf Zehenspitzen zur Badestelle. Der See war riesig und weit und breit mal kein Schild, das irgendetwas verbot. Am Ufer ragten die Wurzeln der großen Eichen bis ins Wasser. Man konnte sich gut daran festhalten, um die steile Uferkante zu überwinden. Nach dem ausgiebigen Bad fühlten wir uns wie neu geboren. Wenig später fing es an kräftig zu schütten. Schnell noch das Geschirr in den Wagen. Blitze zuckten hier und da. Die Pferde genossen den warmen Gewitterguss.

11.06. - von Oberhausen nach Altlußheim, ca. 3km

Am frühen Morgen wurden wir vom hartnäckigen Rufen einer Frau geweckt: „Halllooo?, Hallohooo!“ Ich schlüpfte schnell in zivilisierte Klamotten und ging etwas genervt vor die Tür. Für unsere Verhältnisse war es noch sehr sehr früh. „Können sie bitte ihren Hund festhalten?“ schrie mir eine Joggerin aus 10m Entfernung entgegen. Nina lag ganz brav ohne einen Mucks neben dem Wagen. Oje, dachte ich, wegen so einer Lappalie vom Wachwerden und Teetrinken unterbrochen zu werden. Ich bemühte mich ein freundliches Gesicht aufzulegen und ging zu Nina. Die Frau traute sich endlich vorbei. Später besuchte uns noch einmal der Bauer von gestern und beschwerte sich sogleich, dass die Pferde ja immer noch sein Gras fressen würden, dabei waren wir schon am Geschirrrausräumen. Egal, es gibt halt Typen die sich wichtig machen müssen. Hetzen lassen sich Pferdeleute wie wir jedenfalls nicht. Jon zog Winstons Nagel raus, der vermutlich beim letzten Beschlag zu tief gekommen war. Eine Frau mit einem Hund blieb neugierig stehen. Ich erzählte ihr, dass Winston lahmt und wir unbedingt einen Parkplatz bräuchten, der nicht weit weg sein durfte und wo wir zwei, drei Tage bleiben könnten. Sie hatte die Idee die angrenzenden Gemeinden zu fragen. Die Nummern zogen wir aus'm Netz und sogleich telefonierte ich drauflos. Leider mit dem Ergebnis immer nur weitergeschoben zu werden. „Probieren sie es mal bei meinem Kollegen ...“, oder: „ Versuchen sie es mal bei der Nachbargemeinde...“, ertönte es vom anderen Ende der Leitung. Die Aktion hat uns keine Spur weitergeholfen. Beteiligt waren die Gemeinden Unterhausen, Oberhausen und Altlußheim – alle drei eine Niete in Sachen Unterstützung (sogar im Notfall) eines jungen Paares die mit Pferd und Wagen durch Deutschland reisen. Von der Frau wussten wir sogar, dass die Gemeinden über eigene Wiesen verfügten. Warum tun die sich also so schwer? Was ist dabei mal ganz unbürokratisch und menschlich zu handeln? Schließlich kommt nicht allzu oft ein mit Pferden reisendes Pärchen durch ihre Gemeinde. Jon und ich – wir hatten schon so eine Ahnung bei dem Wort “Gemeinde“.
Wir mussten hier weg! Jon schnappte sich nach dieser Enttäuschung flink sein Rad und unternahm die Parkplatzsuche auf eigene Faust. Nach einer halben Stunde dann die rettende Nachricht. Hinterm Kieswerk direkt am Rhein hatte er eine brachliegende Fläche gefunden. Nur noch die Pferde anspannen und es konnte losgehen. Winston war mit einem Seil am Mädelewagen festgebunden und Django zog das Haus allein. Eine steile Deichböschung hatten wir zu überwinden. Winston wurde wieder eingespannt. Im Trab zogen meine Mädels die kleine Kutsche den Deich hinauf. Wir waren schon fast oben und immer noch sah ich keinen Abstieg vor mir. Dann schnell auf die Bremse. Quinette rutschte bergab durch ihre Hufeisen. Über meine Schultern blickte ich zu Jon – gespannt darauf wir er das Gespann über den Deich bringt. Die Deichsel ging in die Höhe und nur die Pferde hielten sie im Geschirr fest. Jon sah das Deichselende mit den Pferdeohren auf gleicher Höhe. Gut dass beide so schwer sind, die Deichsel hob unsere Jungs jedenfalls nicht mit an. Die Pferde waren schon bergab eingestellt, der Wagen aber immer noch nicht über der Deichkante. Also quasi bergab nach oben ziehen - ganz schön kompliziert. Alle drei schafften es und Jon sprang auf die Bremse. Die tolle Wiese entschädigte alle Strapazen. Gleich telefonierte ich mit Petra, um über Winstons Lahmheit zu beraten. Sie empfahl „Equipalazone“, ein Entzündungshemmer für Pferde. Sofort telefonierte ich mit Tierarztpraxen in der Nähe – und tatsächlich eine hatte dieses Wundermittel vorrätig. Mit Nina und dem Drahtesel fuhr ich am nächsten Tag dort hin. Sie bekam gleich ihre Komplett-Alles-Impfung. Schon nach 24 Stunden ist bei Winston eine deutliche Besserung eingetreten. Trotzdem gingen wir lieber auf Nummer Sicher und blieben noch das ganze Wochenende am selben Platz. Ein Reiter mittleren Alters kam auf einem großen braunen, schlanken Ross vorbei. Verdutzt hielt er neben unserem bunten Wagen. Wir kamen ins Gespräch und erfuhren, dass das Wasserwirtschaftsamt für dieses Gelände zuständig war. Prima, denn erstens liegt es nicht nebenan und zweitens am Wochenende hat bestimmt keiner Bock zu arbeiten.
Vom Wagen aus konnten wir die Pferde gut beobachten. Die Jungs ließen sich von den riesigen Frachtern auf dem Rhein kaum beeindrucken. Die Mädels hingegen starrten regelrecht aufgeregt in ihre Richtung und vergaßen das Kauen dabei. Eben noch im Stall in Frankreich und schon mitten im Weltgeschehen. Tja die Erde ist nicht nur grün, da gibt es vor allem Autos, Traktoren und LKW's, Straßen, überall Menschen, Häuser, Städte, Tunnel, Brücken, Bahnschienen, Lokomotiven und riesige Frachter, Flugzeuge ... . Wenn wir über schreckliche Autobahnkreuze fuhren hab ich mich manchmal gefragt, ob meine Mädels jetzt wohl enttäuscht von der „Welt“ wären. Vieles ist naturfremd, lauter, größer, rasanter und geometrischer geworden. Haben wir noch einen Platz „da drinn“? Wenn dann wieder die kleinen Nebenstraßen überwiegen schlagen meine Gedanken sofort um. Hier, wo es ländlich ist, gehören wir als Gespann dazu, meinen Mädels macht es bestimmt Spaß dabei zu sein.


15.06. - von Altußheim bis kurz vor Ketsch, ca 8km

Von Winstons Lahmheit war nichts mehr zu sehen. Das Zeug hatte wirklich gut geholfen. Ja, ja, wenn wir die gute Petra nicht hätten… . Nach Abwarten der Schauer ging es gegen Nachmittag wieder los. Das Abenteuer „steiler Hang“ wurde super bewältigt. Jon lotste uns mit dem ADAC-Altlas auf kleine Straßen. Die Kirschen der angrenzenden Obstgehölze waren bereits reif. Jon brauchte nur seinen Arm herauszustrecken und erntete ein paar Zweiglein, sprang vom Wagen, flitze zu mir vor, gab mir die leckeren Früchte und dazu einen Kuss und flitzte wieder zurück.
Wir waren nicht weit von Mannheim entfernt, wo wir vor zwei Jahren Ludwig und seine Frau Anneliese aus Altrip kennenlernten. Da klingelte das Telefon. Ludwig war bereits unterwegs unsere Fährte aufzuspüren. Jon erklärte ihm in welche Richtung wir fahren wollten, damit wir uns dann später treffen könnten. Das letzte Stück liefen die Pferde auf einer stärker befahrenen Straße. Da überholte mich eine Frau sehr vorsichtig und brüllte aus ihrem Pkw: „ Der Hund läuft ja auf der Straße!“. Äh, ja und? Mmh, sie hat Recht, einen Bürgersteig sehe ich auch nicht. „ Die läuft so schon über 1000 km auf der Straße!“, entgegnete ich ihr. „Übrigens die Pferde laufen auch auf der Straße!“, doch da war die Dame schon wieder auf und davon. Auf einer Nebenstraße parkten wir beide Fuhrwerke, denn die Zeit war wieder ran einen Parkplatz zu finden. Im Landschaftsschutzgebiet bauten wir etwas versteckt die Koppeln auf. Dabei blieben wir ziemlich dicht am Weg. So sieht es wenigstens so aus, als ob wir uns Mühe gegeben hätten keinen “Schaden“ anzurichten. Immerhin hat es kein NSG Status und motorisiert sind wir ja auch nicht. Der Wagen ist außerdem nur zum Pferdehüten da, damit man jederzeit einspringen kann, wenn etwas sein sollte. Von Campen ist also auch nicht zu reden. Die Pferde standen kniehoch im durchnässten Gras. Der Wagen wurde hinter einer Kurve, dicht an einem Gehölzstreifen geparkt. Die Siedlung lag etwa 300m entfernt hinter einem Fluss. Wasser für die Pferde hatten wir extra schon vorher mitgenommen. Nur Trinkwasser war Mangelware. Jon schnappte sich die Milchkanne und spürte im Ort einen Friedhof auf, wo er Trinkwasser tanken konnte. Auf dem Rückweg traf er Ludwig und führte ihn zu unserem Platz. Er war mit seinem roten Roller unterwegs. Mittlerweile war es schon dunkel draußen. Gestärkt mit ein paar Broten machte er sich dann wieder auf den Heimweg. KO wie immer schliefen wir im Chaos unseres Wagens ein.



16.06. - von Ketsch nach Mannheim OT Friedrichsfeld, ca. 20km

Von Ketsch aus verdrückten wir uns östlich an Mannheim vorbei. In Schwetzingen rasteten wir an einem kleinen Fluss. Der schmale Uferstreifen wurde als Weide benutzt. Für uns gab es leckere Schnitzel mit Bratkartoffeln. Ein Mann von großer Statur kam auf Jon zugelaufen. Sein Blick war freundlich. Er fragte Jon, ob wir schon wüssten, wo wir parken würden. Sogleich bot er uns einen Platz bei sich an. Er selbst ist Freizeitreiter und war auch schon öfter mit Freunden zu Pferd wandern. Wir wollten jedoch noch eine größere Etappe fahren, sodass aus der Verabredung nichts wurde. Wir zirkelten die Fuhrwerke über eine Baustellenbrücke zurück zur Hauptstraße. Munter fuhren wir voran bis sich unsere Route mehr und mehr von der Atlasroute entfernte. Misst! Eine Überquerung der Bahnschiene war ewig nicht in Sicht. Also alles wieder zurück. Ein netter Mofafahrer zeigte uns extra den Weg. Im Trab folgten wir ihm. Diesmal war ich Schlusslicht, weil die Mädels hinterm Jungswagen flotter hinterher liefen. Der Umweg von vier Kilometern kostete uns eine halbe Stunde und verschwitzte Pferde. Die Anwohner guckten bestimmt auch nicht schlecht, da manche uns schon zum zweiten Mal sahen. So ein Verkehrsirrgarten aber auch, keiner denkt bei der Ausschilderung an sich verirrende Pferdefuhrwerke, die dafür einen halben Tag zusetzen, nur um den richtigen Weg erzwungener Maßen zu erforschen. Von weitem schon war auf der rechten Straßenseite eine riesige Reitanlage erkennbar. Entlang der Straße erstreckten sich auf scheinbar unendlichen Kilometern unendliche Koppeln. Die schwarzen Showpferde – auch Friesen genannt – präsentierten sich während unseres Vorbeifahrens im typischen spanischen Edelbarock. Man hatte den Eindruck, sie würden sicher und wohlbehütet hinter ihrem Zaun ganz schön auf die Kacke hauen. Angeber ... .

Der Ort war wie ausgestorben. Vermutlich saßen alle wie gespannt hinter der Glotze, um gar kein Spiel der Fußballeuropameisterschaft zu verpassen. Wir hatten Glück, denn ein Pärchen auf der Veranda war so freundlich uns den Weg zum Friedhof zu beschreiben. Wer spielte noch mal gegen wen? Die Fußballaufregung rutschte an uns herunter wie Öl. Hoffentlich hat das Fähnchenchaos bald ein Ende. Manche haben sogar drei bis vier Fähnchen an ihren Autos. Die knattern dann so toll, wie ein Pkw- Anhänger mit schlackernder Plane auf Huckelpiste. Die Hottes interessierte das Geknatter nicht die Bohne – sehr lobenswert. Der Friedhof war sehr abgelegen und auch hier niemand mehr anzutreffen. In Ruhe füllten wir die Kanister. Danach schwang sich Jon wieder auf seinen Drahtgefährten zur Parkplatzsuche. Es dauerte noch insgesamt zwei Stunden bis wir alle Pferde nackig auf ihren Koppeln in die Freizeit ließen. Das Gelände wurde mal aufgeschüttet und sehr grob glatt gemacht. Seit dem ist hier gewachsen was wollte. Ein fast idealer Platz, wenn das Wasser nicht einen halben Kilometer weit weg wäre.


18.06. - von OT Friedrichsfeld nach Heddesheim, ca. 16km

Nach der Trabaktion vom Vortag gönnten wir Winston noch einen Verschnaufstag.
Am morgen des Aufbruchs hielt ein geräumiger Pkw neben uns. Noch nicht wirklich munter begrüßten wir den neugierigen Mann von schlanker Statur. Er wollte uns zum Grillen einladen, doch dazu hatten wir keine Zeit mehr. Sehr gerne wollte er unbedingt noch einmal mit seinen Kindern vorbeikommen, jedoch erst nach der Schule. Wir beschrieben ihm unsere Route und tauschten Telefonnummern aus. So konnte er immer noch entscheiden mit Kind und Kegel vorbeizukommen. Wir fuhren keine 300m da entdeckten wir einen weiteren Friedhof. Hätten wir das mal eher gewusst, hätte Jon sich mit dem Wasser nicht so abschleppen zu brauchen. Trotzdem hielten wir und tranken die Pferde. Die Wasserwanne heute Morgen war leer. Django trinkt im Geschirr kaum. Selbst mit abgezogener Trense kriegt er kaum einen Schluck runter. Den anderen Drei hat’s gut geschmeckt. Ein weißer VW-Bus stoppte neben uns. Es war wieder der Mann von heute morgen, diesmal in Zimmermanns-Uniform. „Kommt doch bei uns vorbei, wir wohnen gleich 200m rechts hinterm Ortseingansschild!“ Jon fiel gleich ein, dass wir noch die Hufe schweißen mussten und fragte nach Strom. Wie schön, alles kein Problem. Der Bus zeigte uns den Weg. Hinter der restaurierten wunderschönen Scheune bogen wir auf das Gelände eines Dreiseitenhofes. Die Mädels spannten wir aus und banden sie an Bäumen fest. Ohne ein Wort zu sagen schleppten junge Leute Wasser für die Pferde heran. Unser buntes Gespann lockte zahlreiche Kinder heran. Die schauten gespannt zu als Jon zu Schweißen begann. Ausgerüstet mit einer Schutzbrille verfolgten sie jeden Schritt. In der großen Scheune nebenan arbeiteten die Zimmerleute. Es gab gleich Mittag und wir waren auch herzlich eingeladen. Der Tisch war sehr lang und bunt gemischt. Familienmitglieder, Kinder, Arbeitskollegen eine Wandergesellin und wir aßen alle zusammen. Es gab Spargelsalat, Pellkartoffeln und Fischstäbchen.
Sprit getankt, Hufeisenstollen komplett, auf zur nächsten Etappe. Es ging durch hübsche, kleine Dörfer. Die Sonnenstrahlen wärmten uns von hinten. Das laute Getrappel ließ viele Dorbewohner hinter ihre großen Tore blicken. Vor der nächstgrößeren Stadt bogen wir rechts auf einen Nebenweg und stoppten die Hottes. Das Abendrot erinnerte uns an Parkplatzsuche. Noch immer war es sehr heiß. Jon wechselte von vier auf zwei Räder und machte sich vom Acker. Immer wieder kühlte ich mein Haupt – Wasser in Hut rein, Hut auf Kopf drauf! Ah, wie schön!!!. Ein Treckerfahrer kam vorbei und stoppte unter einem komischen Tor. Der Fahrer stieg aus und drehte den Hahn auf. Wasser lief in sein Fass. Zum ersten Mal sah ich so eine Konstruktion. Wie nett – die Stadt spendiert Wasser. Nicht einmal ein Generalschlüssel war nötig um Wasser zu tanken. Als Jon zurück war bedienten wir uns auch. Ich zirkelte mein Fuhrwerk direkt unter den Schlauch. „Halt“, brüllte Jon – da war ich schon wieder übers Ziel hinaus geschossen. Und noch ’ne Runde:“ Schön langsam Mädels, das ist Zentimeterarbeit“! Beim zweiten Anlauf erledigten wir es schon wie Profis. Als es wieder losging, spürten meine Mädels die 300 Kilo Unterschied sofort. Das Anfahren kostete n’en Tick mehr Anstrengung. Die Jungs würden über das Gewicht was die Mädels zu ziehen hatten wohl nur Lachen. Die letzten zwei Kilometer erstreckten sich auf Wirtschaftswegen zwischen riesigen Erdbeerfeldern. Es roch irre verlockend nach Erdbeertorte. Zwischen Feld und Weg baute Jon die Koppeln auf. Hier stand das Gras kniehoch. Die Hühnernudelsuppe aus der Dose wurde endlich heiß. Um ein aufwendigeres Menü zu kochen war der Hunger zu groß. Dazu ein Stück Brot und der Magen war vorerst zufriedengestellt. Zum Nachtisch gab es die süßen Früchte von nebenan.

19.06. - von Heddesheim nach Hüttenfeld, ca. 12km

Gegen 13:00 Uhr bekam ich vom SWR einen Anruf, dass heute zur Landesschau ausgestrahlt werden soll. Panisch versuchte ich noch allen, die mir gerade einfielen bescheid zu geben. Schade, dass keine Zeit mehr blieb, den Termin der Ausstrahlung auf der Homepage anzukündigen. Zirka vor guten zwei Wochen hatte uns das Team vom SWR drei Tage begleitet und daraus eine Reportage gebastelt.

Vor dem Anspannen suchten wir noch in Google Earth nach kleinen Nebenwegen. Die Pferde hatten über Nacht gut zugeschlagen. Die Mädels wurden zum Anziehen an den Bäumen festgebunden, die Jungs an der Deichsel. Winston begrüßte seine Mädels aufgeregt als Jon ihn im Bogen an ihnen vorbei führte. Manchmal fällt er dann sogar in ein paar Trabschritte. Als er dann neben Django angebunden wurde machte er ihn voll an. Schnaubend und prustend knabberte Winston an Djangos Nüstern. Ihm war es wohl grad egal ob Stute oder Wallach – ganz nach dem Motto: “mann“ muss sich halt mit dem begnügen, was man kriegen kann. Ein hartes Wort von Jon und er hörte beleidigt mit seinem Hengstgetue auf.

Der Wind wirbelte durch die Mähnen- und Schweifhaare der Pferde. Nina lief in ihrem Trappeltrott ganz entspannt am Wegesrand. Ihre Schnüffelnase war auf Hochtouren im Einsatz. Viele Hundespaziergänger aus der Umgebung drehten hier ihre Runden. Nur wenn Fahrradfahrer überholen wollten wurde es etwas eng und anstrengend. Nach vier Kilometern wurde der ausgeschilderte Weg durch Leitplanken plötzlich verengt. Nur geradeso und mit viel Nervenkitzel manövrierte ich mein Fuhrwerk durch die verengte Kurve. Die Ortscheide kamen dabei der Leitplanke gefährlich nah. Erst jetzt konnte man wieder auf die Hauptstraße biegen. Ich ließ die Mädels rechts ranfahren und beobachtete Jon. Nach meinem Gefühl würde er es auf gar keinen Fall schaffen. Dennoch der verrückte Kerl muss immer alles ausprobieren. Nach drei Metern kratze das Wagensperrholz an der Leitplanke und er steckte fest. Erntehelfer beobachteten das Spektakel von der Hauptstraße aus. Vorwärts war also tabu und zur Seite ging es auch nicht. Mit viel „Achterch“ – Jon’s Kommando für “Zurück“, schoben die Pferde den Wagen rückwärts - langsam und Stück für Stück, denn immer wieder musste der Wagen neu ausgerichtet werden. Schließlich schafften sie es aus der Enge heraus, dennoch konnte der Wagen nicht umgedreht werden, der Weg war viel zu schmal zum Wenden. Links und rechts davon ging es die Böschung hinunter. Jon entschied sich für die Böschung und manövrierte das Fuhrwerk irgendwie schräg herunter. Die Pferde unterbrachen ihre Arbeit immer wieder mit Fressen und konzentrierten sich nicht. Von weiten sah ich wie Jon Django ausspannte, dann wieder Winston anführte. So ging das noch ’ne ganze Weile hin und her. Göttin sei Dank schafften sie es wieder irgendwie aus dem Schlamassel heraus und der Wagen stand wieder auf dem Weg. Ich passierte noch einmal die Enge und fuhr hinter Jon hinterher. Mindestens eine Stunde hat uns das Manöver gekostet. Aus diesem Grund meiden wir in der Regel die kleinen Wege – keiner weiß, was die für Überraschungen mit sich bringen. Da gibt es plötzlich abgesperrte Schranken, steile Böschungen, Poller, Wegeverengungen, Tunnel etc. die dir dann die Laune verderben. Nach dem Aldi-Besuch in Viernheim folgten wir der Landstraße weiter nach Hüttenfeld. Verdammt war die Straße aber voll. Es ging scheinbar unendlich durch ein riesiges Waldgebiet. Vom Verkehr genervt waren wir alle müde und brauchten eine Pause. Jede Nische wurde sofort kritisch als potenzieller Parkplatz beäugt. Doch Pustekuchen – wieder eine Schranke! Gezwungener Maßen kämpften wir weiter. Die nächste Möglichkeit bogen wir rechts in den Wald. Endlich kein Autolärm mehr und endlich nach einem Kilometer kein Wald mehr. Wir überquerten einen kleinen Bach und näherten uns der „Alten Wäschnitz“ einem größeren Fluss. Auf den Wiesen neben dem asphaltierten Weg  wurde fleißig Heu gewendet. Nur wenig Radfahrer, Fußgänger und Inlineskater waren um die Uhrzeit noch unterwegs. Auf der anderen Straßenseite, gegenüber vom Deich, gab es direkt am Weg ein ungeschnittenes Stück Wiese. Junge Bäume begrenzten die Fläche nach hinten. Dies war der fast ideale Parkplatz. Vielleicht ein wenig zu offen und zu dicht am Erholungsweg. Wasser gab es gleich nebenan, nur die Böschung kostete Jon einige Muskelkraft. Die Bio-Toilette war auch nicht weit. Ein Maisfeld in Brusthöhe gab ausreichend Sichtschutz und guten Boden. Sehr spät hörten wir plötzlich Silvesterböller. Ah ja, das Endspiel der Fußballeuropameisterschaft hatte sich entschieden. Keine Ahnung wie es wohl ausgegangen war. Morgen werden wir es bestimmt irgendwie erfahren. Jetzt wollten wir nur noch schlafen gehen.

 20.06. - von Hüttenfeld nach Rodau, ca. 19km

Vor Aufbruch brachte uns noch ein älteres Ehepaar einen gut gefüllten Sack mit hartem Brot. Sie hatten uns am Vortag schon entdeckt und kamen wieder mit den Fahrrädern vorbei. Django bekam die Sache mit dem Brot sofort mit und forderte uns auf etwas vorbei zu bringen. Er lief in seiner Koppel schon auf und ab - mit dem Kopf immer zu uns gerichtet. Während Django anfing zu scharren warteten die anderen mit gespitzten Ohren und langen Hälsern geduldig auf ihre Portion. Winston liebt Brot so sehr, dass er es dem Hafer sogar vorzieht.
Der kleine Erholungsweg führte die Böschung hinauf zur Hauptstraße. Wie vereinbart fuhr ich vorne weg, um den Verkehr auf der Straße für Jon zu stoppen. Er hätte bei Gott auf dem steilen Stück nicht anhalten dürfen. Mitten auf der Straße sperrte ich - vorschriftsmäßig in Warnweste gekleidet - die Durchfahrt. Jon nahm Anlauf und alles klappte wie am Schnürchen. Weiter ging es zum Raiffeisen nach Lorsch. Einen Tag vorher telefonierte ich mit einer netten Mitarbeiterin der Firma. Nicht immer hat Raiffeisen Hafer und Gerste im Angebot. Quetschhafer hatten sie vorrätig, und die Gerste sollte extra für uns noch gequetscht werden. Wir kamen zügig voran. Meine Mädels hatten inzwischen schon eine sehr gute Kondition aufgebaut und stehen den Jungs kaum etwas nach. Unterwegs nehmen sie am „Weltgeschehen“ noch deutlich mehr teil als die Jungs. Es gibt für sie rechts und links des Weges immer noch viel zu entdecken, sodass sie gar nicht so flott an allem vorbei wollen. Die Jungs laufen hingegen schon fast wie „Zombies“ auf ihrem Weg. Ehe Winston seinen Kopf mal anhebt muss schon eine  Stute ganz in der Nähe sein, ansonsten wird einfach weiter geschlürft.
In Lorsch ging es mitten durch die Innenstadt. Das schöne Wetter lockte die Leute in zahlreiche Biergärten und Kaffees. Wie auf’m Rummel, so viel Betrieb war hier. Sie staunten nicht schlecht als wir mit unseren Gespannen direkt an ihnen vorbei fuhren. Winston hinterließ mit Sicherheit einen bleibenden „Schlürfeindruck“.  Wir bogen auf den Hof von Raiffeisen. Leider war die Gerste doch noch nicht wie vereinbart gequetscht. Mmh, was machen? Eine Stunde könnte es wohl noch dauern. Jon entdeckte mit dem Rad einen Pausenparkplatz im nahegelegenen Wohngebiet. Bei Raiffeisen tankten wir noch Pferdewasser und fuhren zum Pausenparkplatz. Dieser sah ganz nach einer gut überwachsenen Baulücke aus mitten im Wohngebiet. Mal sehen, wie schnell die Polizei da ist?! Die Geschirre blieben auf den Pferden, nur die Trensen wurden entfernt. Gras, Wasser, eine Portion Kraftfutter und die Pferde waren versorgt. Unterdessen roch es im Wagen schon nach leckeren Bratkartoffeln. Der Nachbarshund war nicht mehr zu beruhigen. Wahrscheinlich vermutete er die Übernahme des Planeten durch Außerirdische. Kochen, Essen und schon wieder Koppel abbauen, soviel Zeit zum Erholen bleibt in den Pausen nie übrig. Wenigstens waren alle Bäuche wieder gut gefüllt. Eine junge Familie beobachtete uns neugierig beim Anspannen. Ein paar Worte wurden gewechselt und es ging ohne Polizeieinsatz zum Raiffeisen. 200 Kilo Kraftfutter reichen ungefähr zwei Wochen für 3000 Kilo Lebendgewicht.
Auf einem Wanderparkplatz vor Rodau wartete ich auf die Rückkehr von Jon. Er suchte nach einem Wochenendparkplatz. Das heißt genug Futter für drei Übernachtungen und niemand sollte sich von uns gestört fühlen. Jon fand einen Platz direkt am Baggersee. „Das Futter reicht aber nicht für zwei Tage“, erwiderte er nach seiner Rückkehr. Ich schaute mich um und entdeckte in ca. 400m Entfernung gemähtes liegengebliebenes Gras auf einer Deichböschung. „Zur Not können wir ja mit der kleinen Kutsche das Gras vom Deich holen.“ Die Idee fand Jon super und wir parkten an unserem neuen Standort. Zwischen Baggersee und Feld erstreckte sich ein breiter Gehölzstreifen. Daneben schloss sich ein mit Unkraut überwachsenes schmales Feld an. Wahrscheinlich diente es mal zur Lagerung von Erntegut. Hier parkten wir die Wägen und bauten die Koppeln auf. Nur vom Feldweg aus, der zu einer Reitanlage führte, konnte man uns sehen. Die Pferde hatten tatsächlich kaum Futter. Für die Nacht bekamen sie unsere letzten Bunde Heu.
Das Wochenende wurde vom Wetterbericht sehr heiß angekündigt: schwül, Schauer und Gewitter bis 32 Grad. Vereinzelte Unwetter sollten sogar von Frankreich herüberziehen. Der Gehölzstreifen bot einen idealen Schutz für die Pferde.
Um zum Spielen in die Stadt zu kommen nahm Jon den Zug von Rodau. Ich genoss derweil das Babybauchbaden im Baggersee und kümmerte mich um die Pferde. Nina hatte ihre Freude zusammen mit mir im Wasser zu planschen. Schon morgens trafen wir auf Badegäste, Jogger und Spaziergänger. Scheu, jedoch von der Neugier gepackt, versuchten einige einen Blick durch die Gehölze zu unserem Wagen zu werfen. Scheu und sicher versteckt im Wagen hörte ich sie murmeln :“[…], www.getrampel.de.“  Ein Grinsen überzog mein Gesicht. Als die Luft wieder rein war wagte ich mich wieder aus meiner “Höhle“. Nicht immer habe ich Bock auf neue Gesichter und dieselbe Geschichte. Öfter müssen Jon und ich uns dann wieder bewusst werden, dass wir tatsächlich etwas Besonderes sind. Das gibt uns erneut Ansporn auf interessierte Leute zuzugehen.
Gewitterstimmung zog auf. Hier und dort blitzte und donnerte es jedoch nicht genau über uns. Schon nach einer halben Stunde war der Spuck vorbei. Wie schön, denn ich bin ein richtiger Schisser bei Gewitter.
Jon kam rechtzeitig zurück, sodass wir noch Winston anspannen konnten zum Heu holen. Jon harkte das Grünzeug zusammen und ich steuerte Winston: „Allez!!! … Halt!!! …. Allez!!!…“ So ging das bis die kleine Kutsche brechend voll war. Winston der Sack zog öfter schief zum Feld rüber, um sich an der leckeren Gerste zu laben. Dabei wollten wir doch keine Spuren hinterlassen!!! Wir erledigten den Job sehr rasch und nach einer halben Stunde war die Aktion erfolgreich abgestempelt. Das Heu reichte für einen Tag. An den kommenden Tagen wechselten wir die Pferde, nahmen mal Ozeanne und mal Quinette. Sie sollten gleich lernen einspännig von der Herde wegzufahren. Ozeanne lief anfangs wie auf Stelzen und wieherte ständig. Das Stehenbleiben während des Aufladens war auch eine Herausforderung. Aber immerhin, es war das erste Mal und dafür machte sie alles mit. Ihre Schwester erledigte den Job etwas gelassener. Sie wieherte zwar genauso, jedoch konnte ich sie mit etwas Brot gut ablenken und bei Laune halten. Die zweiten Male verliefen bei beiden schon routinierter. Gegen Abend bot sich ein Schaubild von vielen grün punktförmig schimmernden Lichtern. Zahlreiche Glühwürmchen eiferten für die Gunst der Weibchen um die Wette. Herrlich, denn in meiner Heimat im Osten habe ich die Würmchen noch nie gesehen.
Eines Morgens entdeckte Jon, dass der linke Vorderreifen vom Haupthaus platt war. So ein Schlamassel. Die Reparatur würde unsere Abfahrt um einen Tag verzögern. Heute hatte sich Petra angekündigt und wir holten sie mit Quinette vom Wanderparkplatz ab. Schon am Telefon hatte sie uns verraten meinen Babybauch mit Grillware zu füllen, damit aus “uns“ was wird. Benni kam natürlich auch mit – ganz zur Freude von Nina, denn inzwischen war Benni ein treuer Kumpel geworden. Wir bauten ein Imbisslager am See. Petra übernahm die Grillregie und verwöhnte uns noch mit leckerem Salat und Baguette. Benni und Nina saßen sabernd neben uns, bis sie sich legal auf die Reste stürzen durften. Schade, denn Petra musste wieder los. Ganze zwei Stunden Autobahn sind wir inzwischen von ihrem Pferdedomizil entfernt. Die schönen Begegnungen werden wohl leider stark abnehmen wenn nicht sogar ganz aufhören. Zum Glück bleibt noch das Telefon, aber das kann sie natürlich nicht ersetzten. Die Frau muss man erleben!!! 

Septembermorgen

Im Nebel ruhet noch die Welt,
Noch träumen Wald und Wiesen:
Bald siehst du, wenn der Schleier fällt,
Den blauen Himmel unverstellt,
Herbstkräftig die gedämpfte Welt
In warmem Golde fließen.

von Eduard Mörike
Rußheim zurück uelleben